THIS IS PUNK

Amys Art

splitter


ich setze mich auf die bettkante und schaue auf mein hirn. da liegt es in kleinste teile zerlegt. winzige glassplitter. wie kann das sein? mein nicht mehr funktionierendes gehirn baut aus den splittern ein winziges fläschchen. langsam setzt die erinnerung ein. die fläschchen, ja… sie haben eine bedeutung. ich musste sie zerbrechen, um das zu sein, was ich jetzt bin. langsam sammle ich die splitter ein, füge sie zu einem mosaik zusammen, das entfernt meinem gesicht gleicht. dann humple ich ins bad und putze die zähne.

Manchmal


Manchmal höre ich ein Flugzeug und verwechsle es mit dem Brummen einer Hummel. Manchmal lese ich Geschichten und bilde mir ein, ich hätte sie selber geschrieben. Ich höre den Wind in den Olivenblättern, will mich zusammenkauern zu einem Bün- del, die Beine an den Oberkörper gepreßt und nie mehr aufstehen. Aber ich sitze draußen am Tisch und rauche. Die Klopapierrolle ist immer noch ganz naß von dem Sturm vorletzte Nacht. Er hat sie zum Trocknen in die Sonne gestellt. Ich frage mich, warum. Die Lagen sind zusammengeklebt zu einem Klumpen. Ein Brei aus Papier. Meine Worte, die auf das Blatt strömen, sind auch so ein Brei. Er hat es mir gestern nacht gesagt. Sein Mund war ge- spitzt. Die Stimme klang hohl. Er geht jetzt auf der Terrasse auf und ab und telephoniert mit ihm. Seine Schritte dröhnen in mei- nem Kopf. Sein linker Schuh ist abgelatscht. Ich wundere mich, wie er in den Schuhen noch gehen kann. Aber er hat seit jeher eine Vorliebe für abgetragene Kleidung. Ich hole mir einen Aperol- Soda. Normalerweise trinkt nur er das. Vielleicht will ich jetzt ganz bei ihm sein, indem ich mir sein Getränk einverleibe. Das Getränk leuchtend rot auf dem weißen Tisch. Zuckersüß rinnt es mir die Kehle herab. Ich will nicht zuhören, wenn er spricht. Manchmal erwische ich einen Wortfetzen. Er fragt gerade „Wann?“ – Ich lenke mich ab, indem ich das Blatt voll kritzele. Dann zünde ich mir noch eine Zigarette an. Mir ist schon ganz schlecht vom Rauchen. Ich zähle die Zigarettenstummel. Ich höre: „Das ist aber spät.“ Eine Zecke krabbelt über den Tisch. Es sind acht Zigaretten- stummel. Jetzt schwirrt eine Wespe um meinen Aperol herum. Ich verjage sie mit meinem Buch. Er legt auf. Ich frage ihn: „Wann, wann ist es soweit?“ „In drei Wochen“, sagt er mit brüchiger Stimme. Die Wespe krault jetzt in dem süßen klebrigen Getränk. Ich ma- che keine Anstalten, ihr zu helfen. Ich murmle leise vor mich hin: „Dann haben wir noch etwas Zeit.“ Ich zerknülle das Papier und stehe auf. Die Wespe regt sich nicht mehr. Ihre Flügel sind ver- klebt.

Bücher


Neulich habe ich an einem ruhigen Sonntag um 19.00 Uhr abends meine gesamten Bücher aus vier Regalen auf den Gehweg vor dem Haus geschmissen. Die Zeitung von heute landete ungelesen im Müll. Und nun weiß ich nicht, was ich mit mir anfangen soll. Ich tappe durch die Wohnung vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer in die Küche, gieße die Pflanze, rauche eine, setze mich an den Compu- ter und surfe nach Autos, die ich mir nicht leisten kann. Mir kommt die Idee, ein Bild zu malen, stelle sie aber sogleich hintan. Ich könnte in den Wald joggen gehen, aber die Lustlosigkeit hängt wie eine unzerreißbare Haube über mir. Ich habe da eine Sperre, und die gilt es zu beseitigen. Ich stelle mich ans Fenster und sehe, wie ein Pärchen in meinen Büchern, meinen Abbildern, wühlt. Es ist so, als ob ich mein ge- samtes Privatleben der letzten 15 Jahre auf die Straße geschmissen hätte. Den Fernseher hätte keiner geschert. Da kann jeder das glei- che sehen und niemand kann nachvollziehen, welche Programme ich an welchem Abend gesehen habe. Ich hadere kurz - den Com- puter..., könnte ich dich jetzt auch noch? Jeder Depp könnte mei- ne Emails lesen. Aber ich entscheide mich dann doch, ihn noch ein Weilchen zu behalten. Komisch, das Pärchen geht weg und nimmt keines der Bücher mit. Es sah auch nicht so aus, wie ich mir meine Vorstellung von Menschen zurechtzimmere. Ziemlich bieder. Wahrscheinlich hätten sie das Gesamtwerk der Pilcher mit- genommen. Ich trinke einen Kaffee, rauche noch eine und stelle mich wieder ans Fenster. Vielleicht könnte ich so eine kleine Studie betreiben. Wer liest was in einem kleinen beschissenen Vorort einer mittleren Großstadt? Ein paar Ausländer schlappen vorbei. Sie gehen an dem Berg von Büchern uninteressiert vorüber. Wahrscheinlich haben sie den gleichen Müllberg vor ihrem Haus, haben ihn als Sperrmüll dekla- riert und bemerken nicht, daß hier eine deutsche Kultur, eine Mu- se auf der Straße liegt. Die Horde Jugendliche schaue ich mir gar nicht an. Sie interessieren sich sowieso nur für Computerspiele und tatsächlich, sie kicken meine Bücher auf die Straße, als ob sie einen Fußball gefunden hätten. Sie machen sich nicht einmal die Mühe, die Autoren oder die Titel zu lesen. Ich schüttele mit mei- nem Kopf, während ich sie beobachte. Von der Ferne rückt ein gut gekleidetes Pärchen an. Könnten wenigstens die sich mal bitte für mich interessieren? Aber sie schauen nur ganz irritiert nach oben. Der grauhaarige Herr liest den Ulysses von Joyce von der Straße auf und legt ihn zurück auf den Gehweg zu dem Rest Stapel Bücher. Ich drehe mich weg. Wahrscheinlich hat er noch die Bewegung der Gardine gesehen. Aber es ist mir egal. Was interessiert mich heute überhaupt noch ein Mensch? Was bleibt mir also anderes übrig, als mich vor den Fernseher zu setzen? Es kommt ein Pilcher-Film. Den ziehe ich mir von vorne bis hinten rein bei drei Flaschen Bier. Schließlich ist mir so schlecht, daß ich mich nur noch ins Bett legen kann. Nachts höre ich ein Scharren vor der Haustür. Ich setze mich im Bett auf und bin hellwach. Vielleicht endlich jemand, der sich für mich interessiert! Schnell ziehe ich mir den Bademantel über und renne nach unten. An meiner Gesamtausgabe Proust nagt eine Ratte. Ich mache mir keine Mühe, sie zu verjagen und lege mich wieder ins Bett. Am Morgen rattern Motorengeräusche durch das geöffnete Fen- ster im Wohnzimmer. Der Müllwagen steht vor meinem Haus. Die Orangegekleideten werfen unachtsam meine Bücher in den Schlund des LKWs. Eine alte Dame steht gestikulierend mit ihrem Stock daneben und entreißt den Müllmännern die Bücher. Die Dame hat einen Hut auf, als ob sie per Zeitmaschine aus dem vik- torianischen Zeitalter eine Reise in das zweite Jahrtausend gewagt hätte. Angestrengt versuche ich zu sehen, welche Bücher sie ge- hortet hat. Sie balanciert einen ganzen Stapel auf ihrem Arm. Ich kneife die Augen zusammen. Zuoberst meine ich „Zum Leucht- turm“ von Virginia Woolf zu erkennen. Ich schnappe mir meinen Bademantel, steige in meine Hausschuhe und renne nach unten. Atemlos spreche ich sie an: „Sie sind es doch, oder? Sie sind Virginia Woolf!“ Sie hat eine Zigarettenspitze im Mund und schaut mich sprach- los an. Ich reiße ihr die Bücher aus der Hand. Meine gesamte Sammlung von V. Woolf. Sie kippt nach hinten, doch ich fange sie auf. Im einen Arm den Stapel Bücher, im anderen Arm die alte zerbrochene Frau, balanciere ich das Ganze in den ersten Stock. Ich stelle den Stapel Bücher in der Küche ab, lege die Frau auf das Sofa ins Wohnzimmer, gehe wieder in die Küche und setze Kaffee auf. Fröhlich rufe ich ihr zu: „Aber jetzt ist es endlich Zeit, daß wir uns einmal unterhalten!“